Aus Kapitel 3: Die weiteren Briefe von Hans
Auszug: Vier der Briefe von Hans an Luise
1. 6. 42
Meine liebe Luise!
Wenngleich Du mein Frühlingserwachen ein wenig belächelst, will ich mich nochmals damit befassen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sich jeder von uns über den ersten grünen Grashalm, über das erste sprießende Blatt oder gar über die erste Blume freute. Wir konnten schon gar nicht mehr glauben, daß es auf diesem Stück Erde, wo alles verwüstet ist, und der Tod täglich sein Recht fordert, noch Leben geben kann und zwar so sorgloses Leben. Man könnte die Blumen nahezu beneiden, wenn sie selbst im heftigsten Feuer still und ruhig ihre Köpfe zur Sonne recken. - Die Vögel sind da schon in einer schlechteren Lage.
Zwei Tage hindurch habe ich hier einen Star beobachtet. Unglücklicherweise nahm er in einem Vogelhäuschen Wohnung, das sich auf einem unter starkem Beschuß stehenden Baum befand. Der Baum war schon ganz dürr, da ein Großteil der Zweige abgeschossen war. Mein lieber Star, der einzige in weitem Umkreis, wurde nun immer wieder in seiner Ruhe gestört und mußte vor den herumsausenden Kugeln fliehen. Trotzdem - er kehrte immer wieder zurück. Am liebsten hätte ich ihn gewarnt und gebeten, doch einen ruhigeren Ort aufzusuchen. Gestern geschah nun das Unglück. Ahnungslos vor seinem Hause sitzend, traf ihn die tödliche Kugel. Ich sah es zufällig und sagte zu mir: „Wieder einen Freund verloren."
In Deinem letzten Brief schriebst Du mir, Du wärest also kein so großer „Tugendengel", wie ich bisher glaubte. Warum habe ich das nicht früher gewußt! Das wäre damals in Wien ein Abschied geworden! Da hätte ich Dein so jähes Davonlaufen gewiß nicht zugelassen. Ich hätte Dich mit aller Kraft festgehalten in meinen Armen. Zu spät! So kann ich mir bestenfalls in ruhigen Minuten vorstellen, wie es gewesen wäre. Wir werden aber gewiß alles Versäumte nachholen, sobald ich wieder in Wien Einzug halte. Noch sind wir beide jung genug. Wollen wir hoffen, daß dieser Krieg bald ein gutes Ende finden möge.
Für die Nüsse herzlichen Dank! Trotz ihrer Härte wurden sie spielend geknackt. Du weißt ja, für einen deutschen Soldaten kann (darf!) eben keine Nuß zu hart sein.
In Liebe
Dein Hans
Starhaus (Pogoreloe Gorodiische, Mai 42. H.)
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9. Juni 42
Meine liebe Luise!
Schon werden meine Briefschulden immer größer und umfangreicher. Ich bin Dir unendlich dankbar, daß Du mir so fleißig schreibst und es tut mir leid, daß ich Dir nicht immer so viel antworten kann, wie ich gerne möchte.
Deine Schilderungen des Hochschullebens haben mich sehr interessiert. Auch freue ich mich, daß Dir das Studentenleben so gut gefällt. Sicherlich hast Du inzwischen auch Deine Prüfungen mit gutem Erfolg bestanden.
Ich bin Dir sehr dankbar für die Zeilen Deines Briefes, in denen Du gegen Leute sprichst, die Kriegsbeschädigte als nur noch halbe Menschen betrachten und sie womöglich auch ihren Ansichten entsprechend behandeln. Diese Soldaten, krank oder verstümmelt, wie sie durch den Krieg geworden sind, haben Unendliches gelitten. Jeder Mensch hätte die Pflicht, ihnen ihr Weiterleben auf jede nur mögliche Weise zu erleichtern. Man soll sie aber keinesfalls bedauern, sondern man soll ihnen helfen, daß sie bald wieder irgendeinen Platz in der Gesellschaft ausfüllen können, damit ihr Leben wieder lebenswert wird. Wenn Du Deine persönliche Ansicht recht vielen Menschen gegenüber zum Ausdruck bringen könntest, würdest Du bestimmt vielen Verwundeten große Dienste erweisen.
Die vergangenen Tage waren sehr hart. Oft fürchtete ich, daß unsere Kräfte nicht mehr reichen würden. Die Zahl der Granaten, die der Feind Tag und Nacht auf die Stellungen der Kompanie rechts von mir und auf die meine schickte, soll nach unseren Feststellungen 5000 betragen haben innerhalb von 24 Stunden. Was vorher war und jetzt noch ist, nicht eingerechnet. Als die Russen glaubten, sie hätten uns damit restlos zerschlagen, griffen sie an. Der Erfolg blieb ihnen aber versagt.
Leider verlor ich heute wieder einen guten Kameraden. Eine dieser schrecklichen Granaten hat ihn vollkommen verstümmelt. In solchen Augenblicken kann ein Brief von Dir viel helfen und heilen.
Luise, ich denke immerzu an Dich und ich hoffe und freue mich so sehr auf unser Wiedersehen.
Dein Hans
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16. 6. 42
Meine liebe Luise!
In aller Eile schreibe ich Dir nur ein paar Zeilen, damit Du weißt, daß bei mir soweit noch alles in Ordnung ist. Nur - es gibt jetzt viel „Beschäftigung" für uns. Sobald ich Zeit und Muße finde, schreibe ich Dir wieder mehr.
Ich warte mit großer Sehnsucht auf eine Nachricht von Dir
Dein Hans
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17. 6. 42
Meine liebe Luise!
Was glaubst Du wohl, welch wunderbaren Wunsch ich heute hatte, als ich Deinen Brief vom 5. 6. las, wirst Du es erraten? Ich wage es kaum zu sagen - oder doch? Erstens hätte ich wenigstens nur für einige Sekunden bei Dir sein wollen und zweitens hättest Du ganz stillhalten müssen, damit ich Dich drittens abbusseln hätte können! - So aber kann ich Dir nur brieflich meinen Dank sagen und Dich bitten, mir recht oft und immer wieder solche Briefe zu schreiben.
Gerade heute wieder empfand ich so richtig, welche Kraft und welchen Trost und wieviel Hoffnung mir Deine Zeilen geben können. Kurz bevor mich Dein Brief erreichte, war einer meiner treuesten und bravsten Landser gefallen. Er wurde schwer verwundet und starb nach einigen Minuten. Das letzte Wort, das über seine Lippen kam, war der Name seiner jungen Frau, die er erst vor kurzem geheiratet und über alles geliebt hatte. In solchen Augenblicken bin ich immer ganz verzweifelt. Da ist die Versuchung groß, mit dem Schicksal zu hadern. - Doch es hilft alles nichts, der Krieg geht weiter und nimmt keine Rücksicht auf das Leben von uns Menschen. Er läßt uns noch Übriggebliebenen keine Zeit, lange nachzudenken. Er fordert weiter unseren vollen Einsatz.
In der vergangenen Nacht griff der Russe erfolglos mit Panzern und Flugzeugen an. Seit heute Abend ist wieder etwas mehr Ruhe. Das heißt, vor einigen Minuten gondelten Flieger über die Stellung und warfen einige Bomben. Uns macht das „fast" nichts mehr aus. Man hört nur noch mit halbem Ohr hin und ärgert sich höchstens darüber, in seiner Ruhe gestört zu werden.
Mein Zugführer hat sich gut erholt und wird in kurzer Zeit wieder bei uns sein. Pferde wurden ebenfalls beschafft. Einer meiner Getreuen fing gestern zwei ein. Wir freuten uns über den gelungenen Fang. Doch leider waren sie am Morgen wieder verschwunden.
Luise, am liebsten würde ich jetzt schon ein Urlaubsprogramm aufstellen. Herrliche Vorschläge hätte ich schon. Die Fahrt in die Berge, die Du ebenso liebst wie ich, stünde natürlich gleich an erster Stelle. Lieber Gott, wär das schön!
Ich freue mich, daß Dir meine russischen Pflanzen soviel Freude machen. Ich hatte schon wieder einige vorbereitet, mußte sie aber infolge höherer Gewalt wegwerfen.
2 Uhr nachts ist es nun schon. Eben wird von oben höchste Alarmbereitschaft befohlen. Wie gern hätte ich jetzt ein wenig geschlafen.
Meine liebe Luise, immer bin ich in Gedanken bei Dir.
Dein Hans
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